Lipödem: Von der Diagnose bis zur Behandlung – Was Sie wissen müssen


Ein Lipödem ist eine chronische und schmerzhafte Fettverteilungsstörung, die fast ausschließlich Frauen betrifft. Sie äußert sich durch eine symmetrische, unproportionierte Fettansammlung, typischerweise an den Beinen und Armen, während Hände, Füße und der Rumpf meistens unbetroffen bleiben. Wichtig zu wissen: Ein Lipödem entsteht nicht durch mangelnde Disziplin, schlechte Ernährung oder zu wenig Bewegung, sondern hat vor allem genetische und hormonelle Ursachen.

Lipödem, Lymphödem oder starkes Übergewicht?

In der Praxis werden diese Erkrankungen aufgrund ähnlicher Symptome häufig verwechselt. Sie unterscheiden sich jedoch grundlegend und können auch gleichzeitig auftreten. Manualtherapeutisch haben sich die Behandlungsweisen an die Erkrankungen anzupassen.

Warum eine frühe, richtige Diagnose so wichtig ist

Der Irrweg der Diäten Gerade in den Anfangsstadien wird ein Lipödem häufig mit „normalem“ Übergewicht (Adipositas) verwechselt. Die Folge ist für viele Patientinnen ein jahrelanger, frustrierender Diät-Marathon, der das Problem nicht löst. Während sich bei klassischem Übergewicht das Fett gleichmäßig über den gesamten Körper (inklusive Rumpf und Bauch) verteilt und auf eine Reduzierung der Kalorien reagiert, ist das Lipödem eine chronische Erkrankung des Gewebes. Das erkrankte Fettgewebe an den Beinen oder Armen ist diätresistent – das bedeutet, selbst bei strengster Diät und viel Sport nehmen die betroffenen Zonen kaum an Umfang ab. Aus reiner Verzweiflung entwickeln viele Betroffene daher Essstörungen, obwohl der Ausbruch der Erkrankung hormonell und genetisch bedingt ist und nicht an mangelnder Disziplin liegt. Auch die Abgrenzung zum Lymphödem ist für den Behandlungsansatz entscheidend: Ein Lymphödem ist eine Störung des Lymphabflusses, die zu einer prallen Flüssigkeitsansammlung führt. Es tritt häufig nur einseitig auf, schließt Hände oder Füße mit ein und fühlt sich eher spannungsgeladen an. Drückt man mit dem Finger in das Gewebe, bleibt oft eine Delle zurück. Ein Lipödem hingegen verläuft stets symmetrisch (an beiden Körperhälften), spart Hände und Füße aus, lässt sich nicht einfach eindrücken und ist vor allem eines: extrem berührungsempfindlich und schmerzhaft.

Was passiert im Körper und in den Faszien?

Die Forschung zeigt, dass sich bei einem Lipödem nicht nur die Fettzellen vergrößern. Es wandern auch vermehrt Abwehrzellen in das Gewebe ein. Dies führt zu einer chronischen Entzündung und einer fortschreitenden Gewebeverhärtung (Bindegewebsvermehrung). Das schränkt die Gleitfähigkeit unserer Faszien stark ein. Das versteifte und unbewegliche Fasziengewebe übt mechanischen Druck auf die feinen Nerven aus, was die typischen Schmerzen der Erkrankung verursacht. Anschließend kommt es im betroffenen Gewebe oft zu einer verzögerten Heilung und einer lokalen Minderdurchblutung.

Was passiert beim Lymphödem mit der fascia superficialis?

Verdünnung der Faszie: Eine aktuelle Ultraschallstudie (Pirri et al., 2024) belegt, dass die Fascia superficialis bei Patienten mit chronischem Lymphödem im Vergleich zu gesunden Personen signifikant dünner ist. Störung des faszialen Lymphnetzwerks: Die Fascia superficialis beherbergt physiologisch ein extrem dichtes und großkalibriges Netzwerk an Lymphgefäßen (Albertin et al., 2023). Beim Lymphödem ist genau dieses Netzwerk im Faszienbereich gestört, was zu einem Rückstau von freier Flüssigkeit an den Faszienrändern, chronischer Entzündung und letztlich einem fibrotischen Umbau des umliegenden Gewebes führt.

Was passiert beim Lipödem mit der fascia superficialis?

Verdickung und Fibrose: Anders als beim Lymphödem zeigt die Literatur (Al-Ghadban et al., 2026; Funke et al., 2023), dass die Fascia superficialis beim Lipödem häufig verdickt ist. Es kommt zu einer fehlerhaften Ablagerung von Kollagen (Fibrose) und extrazellulärer Matrix entlang der faszialen Septen, was zu Verhärtungen und den typischen tastbaren Knoten führt. Strukturelle Unterbrechungen: In hochauflösenden Ultraschalluntersuchungen stellen sich bei Lipödem-Patientinnen häufig Brüche (sog. „breaks“) in den ansonsten durchgehenden Linien der Fascia superficialis dar. Gebundene Flüssigkeit: Die Flüssigkeit, die sich im Bereich der Faszie anlagert, ist beim Lipödem typischerweise an Glykosaminoglykane (in einer Gel-Phase) gebunden und liegt nicht als "freie Flüssigkeit" wie beim Lymphödem vor.

Lipödem - Einteilung: Stadien und Typen

Das Erscheinungsbild des Lipödems ist nicht bei jedem gleich. Zur besseren Einordnung wird die Erkrankung in Stadien und Typen unterteilt:

Die Stadien (Haut- und Gewebestruktur):

• Stadium 1: Glatte Hautoberfläche, aber erste feine Knötchen und Gewebeverhärtungen sind tastbar.

• Stadium 2: Die Hautoberfläche wird zunehmend uneben (Dellenbildung) und die tastbaren Knötchen werden deutlich größer.

• Stadium 3: Es bilden sich grobe Fettwülste (Gewebeüberhänge) und starke Gewebeverformungen (Läppchenbildung).

Die Typen (Betroffene Körperregionen):

• Typ 1: Unterhalb des Bauchnabels sowie an Hüften und Gesäß.

• Typ 2: Die Gewebevermehrung reicht bis zu den Knien.

• Typ 3: Betrifft das Bein bis zu den Knöcheln (typische "Manschettenbildung" über dem Fußgelenk).

• Typ 4: Zusätzlich zu den Beinen sind auch die Arme betroffen.

• Typ 5: Ausschließlich die Unterschenkel sind betroffen (seltener).

Behandlungswege in der ganzheitlichen Therapie

Eine vollständige Heilung des Lipödems ist derzeit nicht möglich. Das Ziel der Therapie ist es daher, Schmerzen und Verhärtungen zu lindern, Entzündungen zu reduzieren und die Beweglichkeit zu erhalten. Dies erfordert meist eine fachübergreifende Zusammenarbeit.

Konservative Therapie

  1. Manuelle Lymphdrainage und Faszienbehandlung: Eine sehr sanfte Dehnung der oberflächlichen Hautschichten regt den Lymphfluss an. Da das Gewebe bei Lipödem-Patienten oft schmerzempfindlich und anfällig für Blutergüsse ist, müssen Faszien- und Weichteiltechniken stets behutsam und individuell angepasst durchgeführt werden.

  2. Kompression: Individuell angepasste, oft maßgefertigte Kompressionskleidung stützt das Gewebe und hilft bei der Schmerzkontrolle. Wichtig ist hier das Erlernen der richtigen An- und Ausziehtechniken. Auch apparative Kompressionsgeräte (Pumpen für zu Hause) können eine sinnvolle Ergänzung zur Schmerzlinderung sein.

  3. Bewegungstherapie: Besonders empfehlenswert sind Schwimmen und Wassergymnastik. Der Wasserdruck bietet eine natürliche Kompression und entlastet die Gelenke.

  4. Ernährung und emotionale Unterstützung: Eine entzündungshemmende Ernährung kann sich positiv auf die Beschwerden auswirken. Von strengen, kalorienreduzierten Diäten ist jedoch abzuraten, da sie das erkrankte Lipödem-Gewebe nicht abbauen und lediglich das Risiko für Essstörungen erhöhen.

  5. Die Begleitung durch psychologische Beratung (bei Ängsten, Essstörungen oder Frustration) sowie eine Ergotherapie für den Alltag sind wichtige Bausteine.

Operative Therapie (Fettabsaugung)

Wenn konservative Maßnahmen allein die Schmerzen und Bewegungseinschränkungen nicht ausreichend lindern, kann eine spezielle Form der Fettabsaugung (Liposuktion) erwogen werden. Diese Eingriffe dienen nicht kosmetischen Zwecken, sondern sind ein medizinisch funktioneller Eingriff, um erkranktes Gewebe zu entfernen und die Lebensqualität zu verbessern. Die Operation sollte stets von spezialisierten Chirurgen durchgeführt werden und erfordert in der Regel die Fortsetzung der konservativen Maßnahmen zur Erhaltung des Ergebnisses.

Autor: Dipl. Soz. T. Mörgen, 08/2026


LINKS

Fascia Research Society - Understanding the properties and functions of fasciae

Lipedemia Foundation

Deutsche Gesellschaft für Phlebologie und Lymphologie e.V. (DGPL)

Bei medizinischen Fragen wenden Sie sich an entsprechende Fachärzte/Fachärztinnen (siehe Link der DGPL).

Informationen zur faszialen Therapie erhalten Sie bei uns.

Literatur (wissenschaftlich Fachliteratur)

Albertin, G. et al. (2023): „Detection of Lymphatic Vessels in the Superficial Fascia of the Abdomen.“ In: Life 13(3).

Al-Ghadban, S., Teeler, M. L., & Bunnell, B. A. (2021). Estrogen as a Contributing Factor to the Development of Lipedema. In Physiology and Disorders of Adipose Tissue. IntechOpen. https://www.intechopen.com/chapters/7532

Barros FS, Tavares IR, Frasson PHL, De Nadai ACC. Ultrasound criteria for upper extremity lipedema diagnosis. Phlebology. 2026 Jul 29:2683555261475099. doi: 10.1177/02683555261475099. Epub ahead of print. PMID: 42527880.

Cestari M. Lipedema: Usefulness of 3D Ultrasound Diagnostics. Lymphat Res Biol. 2023 Oct;21(5):485-487. doi: 10.1089/lrb.2022.0082. Epub 2023 Mar 28. PMID: 36976792.

Cochrane J., Mascio C. Webvortrag, 16.8 der Fascia Research Society - Lipedema Foundation - Lipedema: From Diagnosis to Treatment – Clinical Insights and Fascial Connections

Galia S, Crescenzi R, Kruppa P, Kartt J, Cochrane JC, Mascio C, Harmacek L, Heil S, Samouhos E, Peterson S, Dean SM, Wright TF, Cifarelli V, Padera TP, Rutkowski JM, Eddens KS, Egan C, Whitehead S, Herbst KL, Bunnell BA, Shawber C, Hucho T, Hinyard L, Al-Ghadban S, Scott AO, Ostergaard P, Pittman A, Nono Nankam PA, Scherer PE, Forner-Cordero I, Damstra RJ, Hendrickx A, Srinivasan A. The lipedema common case report form as a research tool: standardizing lipedema data collection. Front Glob Womens Health. 2026 Jun 24;7:1833913. doi: 10.3389/fgwh.2026.1833913. PMID: 42422575; PMCID: PMC13342235. 

Funke, S. et al. (2023): „Auf der Suche nach der Evidenz: Eine systematische Übersichtsarbeit zur Pathologie des Lipödems.“ In: Phlebologie (Thieme).

Pirri, C. et al. (2024): „Ultrasound Imaging of the Superficial and Deep Fasciae Thickness of Upper Limbs in Lymphedema Patients Versus Healthy Subjects.“ In: Diagnostics 14(23).

Petersen, K. J., Garza, M., Donahue, P. M. C., Harkins, K. D., Marton, A., Titze, J., Donahue, M. J., & Crescenzi, R. (2020). Neuroimaging of Cerebral Blood Flow and Sodium in Women with Lipedema. Obesity (Silver Spring, Md.), 28(7), 1292–1300. https://doi.org/10.1002/oby.22837

Wolf, S., Deuel, J. W., Hollmén, M., Felmerer, G., Kim, B.-S., Vasella, M., Grünherz, L., Giovanoli, P., Lindenblatt, N., & Gousopoulos, E. (2021). A Distinct Cytokine Profile and Stromal Vascular Fraction Metabolic Status without Significant Changes in the Lipid Composition Characterizes Lipedema. International Journal of Molecular Sciences, 22(7), 3313. https://doi.org/10.3390/ijms2207331